Geschichte der Sammlung

Zur Ordnung, Herkunft und Überlieferung der Graphischen Sammlung Anton Roschmanns · Text: Vladan Antonovič

Im Rahmen seiner Tätigkeit als Universitätsbibliothekar stellte Anton Roschmann eine graphische Sammlung zusammen, die heute nach ihm benannt ist. Die Sammlung besteht aus 29 Bänden mit auf dickes Büttenpapier geklebten rund 6.400 graphischen Blättern, einem Band von Handzeichnungen tirolischer Künstler und einem Registerband. Diese Bände sind einheitlich in Rindsleder mit einer geprägten Verzierung gebunden; ihr Format beträgt 585 mm in der Höhe und 425 mm in der Breite.

Roschmanns Ordnung der Sammlung

Roschmann ging bei der Ordnung von der Künstlersystematik Pierre-Jean Mariettes aus, der für den Prinzen Eugen von Savoyen dessen Sammlung von 500.000 Stichen nach Künstlernamen alphabetisch ordnete und die einzelnen Künstler in geographische, chronologische und thematische Untergruppen unterteilte. Roschmann ordnete die Sammlung nach geographischen Regionen, in denen die Künstler tätig waren. In Italien unterschied er venezianische, lombardische und römische Künstler; aus anderen europäischen Ländern bildete er Gruppen tirolischer, deutscher und französischer Künstler, wobei die flämischen und niederländischen Künstler den deutschen zugeordnet sind.

Es folgen ein Band mit Bildnissen von Künstlern, ein Band mit Bildnissen tirolischer Landesherren sowie ein Band mit Stichen von Prenners Prodromus. Alle Autoren der Stichvorlagen trug Roschmann im Registerband alphabetisch ein. Jeder Band ist zu Beginn mit diesem Künstlerverzeichnis versehen; zuweilen fügte Roschmann vor einzelnen Autoren kurze bibliographische Notizen hinzu, die er Sandrarts „Teutscher Academie" entlieh. Eine ähnliche Systematik verwendete er auch für die Inventarisierung der Gemälde im Schloss Ambras.

Erhaltung und Überlieferung

Mit Ausnahme des ersten Bandes der deutschen Künstler, der 1905 abgelöst wurde, sind alle Bände in ihrem ursprünglichen Zustand. Die einheitliche Einordnung der Stiche verursachte allerdings eine wesentliche Entwertung: Einzelne Blätter wurden meist bis zu den Bildrändern beschnitten, größere gefaltet; bei fast allen lässt sich das Durchschlagen der Druckfarbe auf der gegenüberliegenden Seite, Risse, Knickstellen oder Abschürfungen feststellen. Durch das Ankleben sind die Wasserzeichen nicht erkennbar.

Im 19. Jahrhundert wurden etwa dreißig lithographische Blätter mit topographischer (Tirol) oder geschichtlicher (Andreas Hofer) Thematik in den Band mit tirolischen Künstlern eingefügt. Nach der Ablösung des ersten Bandes der deutschen Künstler 1905 wurden die einzelnen Stiche mit Passepartouts versehen und in sieben Kassetten untergebracht. Einen größeren Schaden erlitt die Sammlung am Ende des Ersten Weltkriegs, als man sie in einem feuchten Keller versteckte; den Zweiten Weltkrieg überstand sie unbeschädigt. Heute wird sie in der Abteilung für Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Innsbruck bewahrt.

Entstehung und Quellen

Die Titelseite des ersten Bandes nennt Roschmann als Ordner der Sammlung „auserlesener Kupfer-Stiche vom Anfang dieser Kunst bis auf gegenwärtige Zeiten", zusammengetragen teils aus der landesfürstlichen Kunstkammer zu Ambras und der Residenz, größtenteils aber durch Schenkungen für die kaiserlich-königliche öffentliche Bibliothek – vollendet im Jahr 1751.

Eine der Quellen liegt im Schloss Ambras. Erzherzog Ferdinand II. von Tirol (1529–1595), zweiter Sohn Kaiser Ferdinands I., gehört zu den wichtigsten Sammlerpersönlichkeiten im Hause Habsburg. Seine Kunstsammlungen folgten dem enzyklopädisch-didaktischen Programm der späten Renaissance; die Kunstkammer spielte die Rolle eines Theatrum Mundi. Ein wesentlicher Teil dieser graphischen Kollektion – rund 5.000 Blätter in 34 Folianten – gelangte 1665 nach Wien, nachdem mit Erzherzog Sigmund Franz die Tiroler Nebenlinie der Habsburger ausgestorben war und Kaiser Leopold I. wertvolle Bände aus der Ambraser Bibliothek überführen ließ.

Als Registrator der Kunstsammlungen und Verfasser der Inventare hatte Roschmann den besten Überblick über die in Ambras verbliebene Graphik. Bereits 1746 ersuchte er um die Überlassung eines Kastens mit von Mäusen beschädigten Kupferstichen und Handzeichnungen; die endgültige Bewilligung muss er bald erhalten haben, da seine Sammlung noch im selben Jahr 1751 komplettiert wurde.

Künstler und Beziehungen

Drei besonders kompakte Gruppen deutscher Künstler – die deutschen Meister des 15. Jahrhunderts, die niederländischen Künstler des 16. Jahrhunderts und die Kupferstiche nach Vorlagen des Johannes Stradanus – stehen in enger Beziehung zu den Ambraser Kunstsammlungen. Auch die habsburgische Genealogie Hans Burgkmairs (in der Sammlung mit 48 Holzschnitten vertreten) und Stiche aus dem Verlag des Dominik Custos stammen höchstwahrscheinlich aus Ambras.

Weitere Quellen stehen mit der Innsbrucker „Societas academica literaria" in Zusammenhang. Roschmann pflegte gute Kontakte zu zeitgenössischen Künstlern; in seiner Schrift Tyrolis Pictoria ac Statuaria sind viele genannt. So fertigte etwa Franz Lactanz Firmian das Bildnis Roschmanns, das zusammen mit einer Serie charakteristischer Köpfe im Band der tirolischen Künstler bewahrt ist (Kupferstich von Franz Schaeur nach Firmian, R-14-30-61).

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